Die Evolution des sichtbaren Bereichs
In den letzten Jahren haben sich die Bedienung und das Nutzungsverhalten im Internet grundlegend gewandelt. Dies betrifft natürlich auch die Bedeutung und den Umgang mit dem Thema „Der sichtbare Bereich“.
Dieser ist die Fläche, die ein Nutzer auf jeden Fall sieht, ohne dass er horizontal oder vertikal scrollen muss – zumindest in der Theorie. In der Praxis ist das ein wenig komplexer, da sich die Nutzer auf unterschiedlichen Endgeräten mit unterschiedlichen Monitorgrößen und Auflösungen im Internet bewegen. Hinzu kommt: Hat ein Nutzer besonders viele Symbolleisten integriert, verkleinert sich sein wirklicher sichtbarer Bereich weiter.

Also handelt es sich bei dem „sichtbaren Bereich“ nur um einen durchschnittlichen Wert, was seine Bedeutung für die Entwicklung von Online-Angeboten seit den Anfangszeiten des Internets in keiner Weise schmälert. Mit Zunahme der Inhalte auf Online-Angeboten nahm auch diese Bedeutung weiter zu. Dabei war der Umgang mit diesem Thema stets gleich: Alle relevanten Inhalte und alle Zugänge zu den jeweiligen Inhalten stets möglichst direkt sichtbar zu platzieren. Seit dem Einzug von Personalisierung, Customization und Social Media existieren weitere strategische Ansätze in diesem Bereich.
Hier fünf unterschiedliche Ansätze in einer detaillierten Betrachtung:
1. Der klassische Umgang mit dem sichtbaren Bereich – Beispiel web.de
Bei dieser Betrachtungsweise steht es im Vordergrund, möglichst alle wichtigen Themen innerhalb des sichtbaren Bereichs abzubilden. Dabei priorisiert der Betreiber des Angebots die Inhalte. Er bestimmt was ihm wichtig ist, beziehungsweise definiert, gerne auch mit Hilfe von der Marktforschung und Usability-Tests, was für seine Zielgruppe relevant sein könnte. Da es aufgrund der hohen Zahl an relevanten Inhalten oft unmöglich ist alles unterzubekommen, gibt es einige Tools und Funktionalitäten, wie z.B. Aufklappmodule oder kleine Tab-Navigationen innerhalb des Contents, welche es erlauben insgesamt noch mehr Inhalte zu integrieren.
Einer der Vorteile dieser Strategie ist, dass ganz gezielt einzelne Inhalte „nach vorne“ gebracht werden können. Darüber hinaus gilt dieses Prinzip bei den Nutzern inzwischen als „gelernt“, das heißt ein Nutzer erkennt sofort, welche Themen oder Produkte für den Betreiber des Angebots einen hohen Stellenwert besitzen.
Leider überwiegen hier die Nachteile jedoch deutlich: Auf der einen Seite führt dieser Weg oft direkt zum Bruch einer sehr wichtigen Usability-Regel, nämlich der Begrenzung der Inhalte. Das menschliche Gehirn ist nicht in der Lage eine unbegrenzte Anzahl an einzelnen Objekten wahrzunehmen. Ideal sind bis zu sieben sinnvoll zusammengefasste optische Blöcke. Wird der Nutzer visuell mit zu vielen Elementen konfrontiert, führt dies sehr oft direkt zum Abbruch. Sehr gut sieht man dies am Beispiel des Portals web.de: Es existieren 76(!) klickbare Elemente, die alle für spezifische Inhalte stehen. Dies ist die quantitative Seite, es gibt allerdings auch eine qualitative Überforderung: Für den einzelnen Nutzer, der in einem bestimmten Use-Case vor seinem Computer sitzt, sind von den 76 Links vielleicht nur 10 interessant. Es ist nun seine Aufgabe das ganze Angebot zu scannen; er muss unzählige Texte anlesen und vielleicht noch auf den ein oder anderen Tab klicken, um zu „seinen“ Inhalten zu gelangen. Genau dies steht im klaren Widerspruch zu der von vielen Nutzern gewünschten Bedienung im Internet: Sie möchten sehen und nicht lesen, sie möchten visuell und intuitiv geführt werden und nicht selber „arbeiten“ müssen, um zu den gewünschten Inhalten zu gelangen. Zudem führt dieser Overload an Elementen sehr oft zu der selektiven Nutzung eines Angebots und es wird nur ein sehr kleiner und gelernter Teil des Leistungsspektrums in Anspruch genommen, beispielsweise die Free-Mail-Funktion bei web.de
Die genannten Nachteile gelten vor allem für umfangreichere Angebote. Eine kleine reine Imagewebsite mit wenigen Inhalten kann zum Beispiel sehr gut komplet innerhalb des sichtbaren Bereichs funktionieren.

2. Der zum Scrollen einladende sichtbare Bereich – Beispiel: Spiegel
Einige Portale, wie zum Beispiel Spiegel Online, setzen auf die Bereitschaft der Nutzer zum Scrollen. Im sichtbaren Bereich ist nur das Top-Thema zu finden, alle weiteren Inhalte sind hauptsächlich über vertikales Scrollen erreichbar. Hierbei wird der Nutzer allerdings sehr gut geführt: Die grundsätzliche Anordnung ist immer gleich, was den Auftritt für den Nutzer sehr schnell „lernbar“ macht. Der Nutzer lernt, für ihn irrelevante Kategorien sehr schnell und irgendwann auch so gut wie automatisch zu überspringen. Wichtig bei dieser Art des Umgangs mit dem sichtbaren Bereich ist die visuelle Führung der Nutzer, die damit beginnt, dass der Nutzer sofort erkennt, dass er scrollen muss.

Für diesen Umgang spricht auf der einen Seite die Tatsache, dass immer mehr Nutzer lieber scrollen als klicken, vor allem weil jeder Klick auch oft mit einer entsprechenden Reload-Zeit verbunden wird. Ich habe diese Entwicklung hin zum Scrollen bei einem Usability-Test sehr bildhaft erkennen können: Bei einer Heatmap, einer Art „Wärmekarte“, auf der alle Bereiche nach der Klick-Häufigkeit farblich markiert werden, war ein Bereich in der Mitte der Seite dunkelrot gekennzeichnet, was darauf hinweißt, dass hier sehr oft geklickt wurde. Seltsamerweise befand sich in diesem Bereich jedoch gar kein klickbares Element. Gemeinsam mit dem Kunden und den Usability-Experten sind wir dem Rätsel auf die Spur gekommen: Hier hatten viele Nutzer einfach nur deshalb geklickt, um das Scroll-Rad an ihrer Maus zu aktivieren.

Ein anderer Vorteil ist eine verbesserte visuelle Führung, was man sehr gut am Beispiel von Bewertungen verdeutlichen kann: Im klassischen Modell sind solche Funktionalitäten aus Platzgründen oft über eine Tab-Navigation innerhalb des Contents oder über Links zugänglich und der Nutzer muss das Wort „Bewertungen“ wirklich lesen. Besser ist es, wenn die Funktionalitäten so gestaltet und platziert sind, dass der Nutzer sie sofort als solche erkennt. Bei Bewertungen erreicht man dies z.B. durch die Verwendung der bekannten Sternchen.
3. Der „easy to use – hard to handle“ Ansatz – Beispiel: Amazon
Amazon hat einen weiteren Ansatz geprägt – mit dem Ziel auf den jeweiligen Use-Case des Nutzers einzugehen. So sollen Nutzer, die genau wissen was sie möchten, mit einem Fokus auf einen schnellen Vorgang genauso adäquat bedient werden wie Nutzer, die noch sehr unentschlossen sind und sich erst sehr ausführlich informieren wollen. Und das auf der gleichen Seite! Am Beispiel der Artikeldetailseite kann man dies sehr gut erkennen: Alle Informationen und Funktionalitäten, die zum Kauf des Artikels benötigt werden, sind im sichtbaren Bereich zu finden. Und umso weiter der Nutzer scrollt, je tiefgreifender, detaillierter, aber auch spezialisierter werden die Informationen.
Der Vorteil liegt auf der Hand: Der Schnellentschlossene fühlt sich genauso verstanden wie der Informationsbegierige.
Auch hier wird darauf gebaut, dass gerade Nutzer, die sich etwas intensiver informieren möchten, lieber ein bisschen scrollen und sehr schnell entscheiden, welches Modul für sie interessant ist oder nicht, als eine Vielzahl an Links durchzulesen, um dann jeweils auf neue Seiten zu kommen.

4. Der personalisierte sichtbare Bereich – Beispiel: Facebook
Dank Social Media und der Personalisierung gibt es immer mehr Angebote, die es schaffen, jedem einzelnen Nutzer auch sein eigenes, individualisiertes Portal zu bieten: Deutlich weniger Inhalte, dafür mit einem sehr hohen Relevanzgrad. Am Beispiel von Facebook kann man dies sehr gut anschaulich machen: Im Friendfeed sieht man aktuelle Aktivitäten und Äußerungen des eigenen Netzwerks, in den Höhepunkten wird alles nach vorne gebracht, was im Netzwerk beliebt ist, in der Toolbar unten kann man sich interne Bookmarks setzen und man sieht, wer von den Freunden online ist. Durch solche Funktionen wie z.B. „Person X verbergen“ oder „Applikation X verbergen“ hat der Nutzer einen direkten Einfluss darauf, was er angezeigt bekommt und was nicht. Durch die Nutzung von Facebook wird dieses immer mehr zu seinem persönlichen Portal, ohne dass er zuvor aufwändige Konfigurationen durchführen muss.

Bemerkenswert ist hier jedoch, dass sich wieder sehr viel im sichtbaren Bereich abspielt, aber dass hier im Endeffekt die Inhalte ganz gezielt für den einzelnen Nutzer und auch vom einzelnen Nutzer ausgewählt werden.
5. Der mehrdimensionale sichtbare Bereich – Beispiel: Twitter
Die folgende Betrachtung trifft auch in Teilen auf Facebook zu, bei twitter ist das allerdings noch wesentlich konsequenter umgesetzt: Hier gibt es einfach nur den Strom aus Meinungs-, Status- und Befindlichkeitsäußerungen der Nutzer, denen man folgt. Und genau hier kommt auch eine weitere Dimension ins Spiel: Die Zeit. Ab einer bestimmten kritischen Menge an Leuten, denen man folgt, entsteht ein ständiger Strom an Tweets und ein Reload nach kurzer Zeit reicht, und alle Inhalte innerhalb des sichtbaren Bereichs sind ausgetauscht.

Genereller Ausblick
Bis auf den klassischen Ansatz haben wohl alle Strategien gute Chancen noch beliebter zu werden, möglicherweise sogar in Kombination miteinander. Nur eben für den klassischen Ansatz könnte es etwas eng werden. Ich behaupte einfach mal: Die Nutzer hatten noch nie besonders große Lust innerhalb eines riesigen Angebots selbst, vor allem durch Lesen, herauszufiltern zu müssen, was für sie relevant sein könnte. Diese Bereitschaft sinkt weiter seit dem viele Portale und Plattformen es schaffen, auf den einzelnen Nutzer und sogar auf dessen aktuellen Use-Case einzugehen und das entsprechende Angebot maßzuschneidern.
Fazit:
Der sichtbare Bereich ist ein nach wie vor ein sehr wichtiger Faktor bei der Entwicklung von Online Angeboten – mit dem Unterschied, dass immer mehr für den Nutzer und vom Nutzer bestimmt wird, was sich innerhalb des sichtbaren Bereichs befindet.
