Usability im Alltag
Neulich habe ich mir überlegt, ob die wichtigsten Online-Usability-Regeln auch in unserem täglichen „echten“ Leben theoretisch anwendbar sind.
Kurz zusammengefasst kann man einem Webauftritt eine hohe Benutzerfreundlichkeit attestieren, wenn:
- er einfach ist
- er konsistent konzipiert und gestaltet ist
- der Nutzer nicht mit zu vielen Elementen überfordert wird
- die Nutzung entweder gelernt oder schnell erlernbar ist
- der Nutzer bei der Interaktion das bekommt was er erwartet
- Funktionalität aussagekräftig und selbsterklärend gekennzeichnet ist
- die Wege zu den Inhalten nicht zu lang sind
- der Nutzer visuell und intuitiv geführt wird
- dem Nutzer echte Orientierung geboten wird
All dies gilt im Prinzip auch für unser nicht digitales Leben, z.B. beim Bedienen eines Haushaltsgerätes, dem Bewegen in einer fremden Stadt oder auch beim Autofahren. Und auch hier ist nicht alles wirklich optimal gelöst: Fast täglich werden wir mit kleinen Problemen konfrontiert, die aufgrund einer nicht optimalen Usability entstehen.
Ein gutes Beispiel sind Türen, jeder hat schon einmal an einer gezogen obwohl “drücken” drauf steht. Hier spielen verschiedene Dinge eine Rolle: Wir haben es ein Stück weit gelernt, dass sich die Türen in öffentlichen Gebäuden nach außen öffnen – tun sie das nicht, ist das Verhalten nicht gelernt und damit auch nicht erwartungskonform. Öffnet sich in einem Gebäude eine Tür nach innen, die andere nach außen, ist das nicht konsistent. Sind die Schilder „drücken“ und „ziehen“ zu klein oder schlecht platziert, ist das nicht einfach und aussagekräftig, sind sie erst gar nicht vorhanden, wird keine Orientierung geboten. Aber manchmal hat das stürmische Drücken gegen eine Tür, auf der ganz groß „ziehen“ steht, auch einfach nur mit der alten Gesetzmäßigkeit zu tun, dass man bei einer 50:50 Chance gefühlt stets den Kürzeren zieht.
Bei vielen Usability-Tests ist mir aufgefallen, dass eine der Grundvoraussetzungen für die problemlose Bedienung das Zurückgreifen auf gelernte Elemente, Darstellungen und Funktionalitäten ist. Dies gilt auch im Alltag, z.B. bei Toilettenschildern. Jeder kennt die klassischen Symbole, daher funktionieren diese sehr gut. Immer mal wieder trifft man allerdings auf alternative Darstellungen bis hin zu kreativen Kunstwerken. Hier macht dann die möglichst aussagekräftige Gestaltung den Unterschied zwischen „Häh?“ und „Aha!“
Besonders stark fällt mir Usability-Optimierungsbedarf allerdings im Straßenverkehr auf. Hier ist die Parallele zur Nutzerführung im Internet besonders gut zu erkennen: Wichtig ist eine besonders schnelle und visuelle Führung mit besonders aussagekräftigen Hinweisen. Eine Portal-Startseite, auf der eine Unmenge an Teasern und Links zu finden ist, entspricht dem immer häufiger zu findenden Schilderwald auf unseren Straßen: Bei der einen muss ich mich zu den für mich interessanten Inhalten „vorarbeiten“, im anderen Fall bekomme ich eventuell wichtige Verkehrszeichen nicht mit, weil sie schlicht im Schildermeer untergehen.
Als ich neulich mit einem neuen Audi gefahren bin, ist mir aufgefallen, dass bei der Bedienung eines modernen Autos eine ähnliche Usability-Herausforderung besteht wie im E-Commerce. Beides ist sehr komplex geworden, es gibt sehr viele unterschiedliche Elemente und Funktionalitäten, so dass eine der wichtigsten Usability-Regeln schwer einzuhalten ist: Die sogenannte „Begrenzung der Inhalte und Funktionalitäten“. Um z.B. die Sitzheizung einzustellen, musste ich erst einen Schalter drücken, dann über ein Rad „Sitzheizung“ wählen, bestätigen, wieder über ein Rad die gewünschte Stufe wählen, und wieder bestätigen. Wenn man diese Funktion mit der Usability-Brille isoliert betrachtet und sie mit den ersten Sitzheizungen in unseren Autos vergleicht, ist das nur als absoluter Rückschritt zu bewerten: Dort gab es für jeden Sitz einen Kippschalter oder ein Rädchen, falls die Heizung mehr als eine Stufe hatte. Damals galt bei Autos eben noch eine einfache Regel: Jede neue Funktionalität bekommt einen eigenen Hebel, Schalter oder ein Rädchen. Nur: Hätte dies noch Bestand, würde es in unseren Autos aussehen wie im Cockpit einer Boeing 747. Daher werden viele dieser zahlreichen Funktionalitäten bei Audi, BMW oder auch Mercedes über ein zentrales Menü gesteuert.
Ähnliches konnte ich auch im Haushalt beobachten: Bei der Mini-Anlage für meine Küche musste ich feststellen, dass der Senderspeicher nur durch mehrfaches Drücken von Knöpfen im Menü zu finden ist. Wo sind die guten alten Speichertasten hin? Auch bei Mikrowellenherden würde ich jederzeit ein Modell mit einzelnen Rädchen für Watt und Dauer dem Modell mit digitalem Menü vorziehen.
Zu den Kriterien „aussagekräftig“ und „selbsterklärend“ fällt mir das Festnetz-Telefon ein, das ich neulich bestellt hatte, denn es zwang mich, über meinen eigenen Schatten zu springen und einen Blick in die Betriebsanleitung zu werfen…;-) Dabei erwarte ich, bei so einem Gerät die Grundfunktionen wie z.B. eine Nummer einzuspeichern ohne vorherige Recherche bedienen zu können.
Noch ein weites Feld für Usability-Optimierungsbedarf ist das Thema Verpackungen! Ein Beispiel wäre hier die Post-it Verpackung, auf der keinerlei Hinweis zu finden ist, wie man sie öffnet. Auf der Rückseite ist sogar ein schwarzer Balken, ein gelerntes Zeichen für „hier geht’s auf“. Da dieser Balken jedoch nichts mit einer Öffnung zu tun hat, handelt es sich hier um eine nicht erwartungskonforme Kennzeichnung. Dann gibt es noch diese unsäglichen Hartplastik-Verpackungen von Kopfhörern, USB-Sticks und SD-Karten, die man nur mit einem Seitenschneider auf bekommt. Oder auch wiederverschließbare Verpackungen, die man trotzdem immer wieder zerreißt.
Auf einzeln verpackten Scheiben Käse fand ich neulich eine Linie aus kleinen roten Pfeilen. Da aber die Öffnung nicht zu sehen war, waren auch die Pfeile ohne großen Wert. Denn so konnten sie verschiedenes bedeuten, wie z.B. „in diese Richtung aufreißen“, was auf eine Öffnung oberhalb der Pfeile hinweist, oder eben auch „hier aufreißen“, was auf eine Öffnung unterhalb der Pfeile schließen lässt.
Wo seht Ihr denn Usability-Optimierungsbedarf im Alltag? Über Eure Beispiele als Kommentar würde ich mich sehr freuen!




Susanne
25. März 2011 um 13:51Ich habe eben gerade eine sehr coole Verpackung entdeckt: bei dem Schoko-Riegel von Milka, muss man einfach an einer Seite der Verpackung ziehen und schon ist die Packung auf und die Finger bleiben sauber.
Hier ist ein Bild: http://www.worldofsweets.de/out/pictures/z1/913644_ep_04_z1.jpg
… habe ich noch nie gesehen! Finde ich gut!